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Bis 0,5m Welle gibt es warmes Essen – Die Tour von Karlskrona bis Riga

Drei Tage und zwei Nächte ununterbrochen unterwegs – das ist der persönliche Rekord unseres bisherigen Seglerlebens. Spannend war zum einen die Frage: wie entwickelt sich das Wetter und zum anderen: wie kommen wir damit zurecht, immer nur in Häppchen von höchstens zweieinhalb Stunden zu schlafen, denn wenn eine schläft, muss einer steuern und umgekehrt. Eigenhändig steuern und nicht nur in der Plicht sitzen und aufpassen. Wir haben zwar inzwischen einen elektrischen Autopiloten, dessen Kompass kommt aber mit seinem Einsatz auf einem Stahlschiff nicht klar und so wurde aus dem Traum als «Wache-Habende» in der Plicht sitzen und lesen zu können und nur ab und zu mal rundherum zu schauen, ob noch alles in Ordnung ist, erstmal nichts. 

Das Wetter war uns gewogen – manchmal ein bisschen zu sehr, sodass wir zwischen Gotland und Lettland stundenlang motoren mussten, weil überhaupt kein Wind war. Ein bisschen blöd, wenn man versucht möglichst viel Schlaf zu bekommen und es im Salon ziemlich laut ist, weil der Motor läuft. Mit Ohrstöpseln und der nötigen Müdigkeit geht aber auch das. Dafür konnten wir unterwegs kochen, was sonst, bei zu viel Seegang problematisch ist, weil unser Kocher erstens nicht kardanisch aufgehängt ist und so nicht in die Waagerechte schwingen kann, wenn sich Rith auf die Seite legt und zweitens müssen die Brenner mit einer Spiritusflamme vorgewärmt werden, damit das Petroleum sich in einen gasförmigen Zustand begibt, wenn es den Zulauf verlässt. Diese Spiritusflamme wird gerne mal 30 bis 40 cm hoch und die Vorstellung, dass so eine Flamme wild in der Gegend herumzüngelt, weil der Kocher, aus dem sie kommt, die ganze Zeit wackelt, macht mir Angst.

Als Wachsystem haben wir diesmal tagsüber Ablösung nach 4 Stunden und nachts nach 3 Stunden ausprobiert. Das hat ganz gut funktioniert und den Vorteil, dass es eine Abwechslung in den jeweiligen Zeiten ergibt, sodass nicht immer eine oder einer die unangenehmen Zeiten erwischt. Mit 3 Häppchen Schlaf über den Tag verteilt ließ es sich – bei den recht ruhigen Segelbedingungen – ganz gut leben. Bei Regen und viel Wind sieht die Sache sicher anders aus, aber zum Ausprobieren war das erstmal eine gute Erfahrung.

Am Abend des dritten Tages hatten wir dann Ventspils in Lettland erreicht. Eigentlich waren die Wetterbedingungen so, dass es sich angeboten hätte, gleich weiter zu fahren, aber durch die langen Motorstrecken ging der Diesel zur Neige und ohne genug Diesel wollten wir nicht in die Rigaer Bucht, die den Ruf hat, wettermäßig kapriziös sein zu können.

Diesel allerdings ist im Hafen von Ventspils weit und breit nicht zu bekommen. Darauf hat sich der Hafenmeister eingestellt und bietet auf Nachfrage einen Taxi-Service zur Tankstelle samt Nutzung seiner Kanister für 10 Euro an. So mit allem versehen konnten wir mittags weiter. Diesmal bei gutem Wind. Um das Kap Kolka herum dann jede Menge Verkehr – Kreuzfahrtschiffe, Frachtschiffe, Fähren, die in die Bucht hinein oder heraus fahren. Wir als kleiner Krümel von Yacht dazwischen. Um das Kap herum waren wir beide damit beschäftigt, zu steuern, zu navigieren, auf dem AIS zu schauen, welche Schiffe um uns herum was machen und ob wir ihnen ausweichen müssen und wenn ja, wohin. An Schlaf war nicht zu denken und dieses eine, nicht bekommene Schlafhäppchen fehlte dann die ganze restliche Nacht. Eine Nacht, die abgesehen davon aber wieder ganz bezaubernd war. Es wird nämlich hier nachts nicht dunkel. Wenn die Sonne gegen halb elf Ortszeit untergegangen ist, hinterlässt sie am Horizont ein intensiv orangefarbenes Leuchten. Darüber ist der Himmel hell, von der nicht mehr sichtbaren Sonne angestrahlt. Gegenüber, im Südosten verschwimmen Himmel und Wasser zu einem trostlosen Dunkelgrau. Dieser orangefarbene Streifen mit der Helligkeit darüber wandert dann langsam von Nordwesten nach Nordosten und irgendwann, so gegen vier oder halb fünf erscheint darin die Sonne wieder. 

In der Rigaer Bucht flaute der Wind, der bisher mit vier bis fünf Windstärken geblasen hatte, ab und kam genau von hinten. Nach einigem Herumprobieren entschieden wir uns dafür, Großsegel und Fock zu bergen und die Genua (ein großes Vorsegel, das bei leichtem Wind benutzt wird) zu setzen. Bei diesem Kurs muss man aufpassen, weil die Wellen das Heck jedesmal versetzen und das Schiff dann gerne aus dem Ruder läuft. Lästig, wenn man vor allem eins ist: müde.

Und dann tauchte auf einmal im Osten ein dicker, rot leuchtender Klecks auf. Was ist das? Woher kommt es? Wird es nett zu mir sein? Ups, schon wieder mit den Gedanken weggedriftet und nicht geguckt, wohin ich lenke. Rith legt sich auf die Seite und die Genua fällt in sich zusammen und fängt an zu schlagen. Mist. Eine Wolke zieht weiter und der Fleck entpuppt sich als ein tiefroter «Nicht-mehr-ganz-Halbmond» Die Zeit dehnt sich und ich kämpfe gegen den Schlaf. Irgendwann sind aus den vielen einzelnen Minuten 3 Stunden geworden und ich kann Peter wecken, eine Eintragung ins Logbuch machen, die Zähne putzen und für zweieinhalb Stunden in die Koje kriechen. 

In der Einfahrt zum Rigaer Hafen haben wir es dann nochmal mit den einlaufenden Frachtschiffen, einem frischen Wind und höheren Wellen zu tun. Alles nicht so schlimm, wir sind fast da. «Fast» erweist sich als zwei Motorstunden durch den Hafen vom Yachthafen in der Innenstadt entfernt. Aber die Sonne scheint, es ist wenig Verkehr und wir freuen uns, unser Ziel erreicht zu haben.

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