Autor: annette

„Kyklava, Kyklava Kyklava…“

Das erste, was wir in der Regel von einem neuen Land mitbekommen, sind Wörter aus dem Funkgerät. „kyklava, kyklava, kyklava“ scheint das Pendant zu „securité, securité, securité“ zu sein, womit die Warnmeldungen und Wettervorhersagen der Funkstationen eingeleitet werden. Die Ansagen werden von der estnischen Funkstation Tallinn Radio erst auf Englisch gemacht und dann auf Estnisch wiederholt und mit diesem schönen Wort eingeleitet*. Jede Funkstation hat offensichtlich eine Handvoll von Leuten, die sich in Schichten abwechseln. Wenn man länger unterwegs ist, lernt man ihre Stimmen kennen und ihre Eigenarten bei den Ansagen. Tallinn Radio hat einen Funker, dessen Sprachmelodie die endlosen Wälder und die Weite der leeren Wasserflächen wiederzugeben scheint und an Melancholie kaum zu überbieten ist. Schon auf der Fahrt von Färosund im Norden von Gotland nach Estland, begegnen wir wenig Schiffen. In der Irbenstraße, die in die Rigaer Bucht hineinführt und in der wir uns im letzten Jahr durch richtig viel Verkehr fädeln mussten, nur ein einzelner Frachter. Und dann segeln wir an diesem frühen Sonntagmorgen mutterseelenallein im Sonnenschein an der Insel Saaremaa entlang …

kleines Haus über Klippen am Meer

Planlos in Simrishamn

„Ja, mach‘ nur einen Plan. Sei nur ein großes Licht. Und mach‘ dann noch ‘nen zweiten Plan, geh‘n tun sie beide nicht…“ Die erste Lektion auf Segeltouren, formuliert von Bert Brecht. Muss ich jedes Jahr wieder neu lernen. So einen richtigen, detaillierten Plan gab es nicht, aber ich hatte mir doch so vorgestellt, wann wir wo hin segeln würden und dann kommt so ein fettes Tiefdruckgebiet mit richtig viel Wind und schlimmen Böen und da liegen wir erstmal ein paar Tage in Simrishamn in Südschweden und warten das ab. Das schöne ist ja, dass wir Zeit haben. Wir schlafen lange, arbeiten an unsern Projekten, wandern den Strand entlang und haben auch gebadet, als die Temperaturen noch so waren, dass das nicht nur für an Eisbaden gewöhnte Menschen geeignet war. Heute habe ich ein Museum entdeckt. Wenn es morgen regnet, können wir da ja mal hingehen und all die anderen Touristen treffen. Also, wir machen im Wesentlichen das, was man im Urlaub so macht und hoffen, dass es am Freitag weitergehen kann.

die Burg Hammershus im Abendlicht vom Hafen aus gesehen, davor eine Möwe auf der Kaimauer

Lieblingsarbeitsplatz Hammerhavn

Am Donnerstag einen Arbeitstag in Sassnitz eingelegt, am Freitag weiter nach Bornholm. Schönes Wetter, ein bisschen zu wenig Wind und ein bisschen zu viel alte Welle vom Vortag, aber sonst eine gute Überfahrt. Später dann schöner Segelwind. In Hammerhavn, im Norden von Bornholm spült uns die Welle direkt in das Hafenbecken, das schon ziemlich voll ist. Ganz am Ende finden wir noch ein Plätzchen.

Abgefahren

Mittwoch ging’s los, am bisher heißesten Tag des Jahres. Auf dem Bodden kein Wind, das Wasser eine träge, glatte Masse. Motort und geschwitzt. Und gegen diese vielen vielen kleinen Fliegen gekämpft, die sich plötzlich überall auf dem Schiff materialisiert hatten und die die ganze Zeit auf uns sitzen und in unsere Ohren und Nasen kriechen wollten. Im Fahrwasser südlich Rügen Jockel und Hillu aus dem WSV1921 in Berlin mit ihrem neuen Schiff getroffen. Und dann knipst an der Südostspitze von Rügen auf einmal irgend jemand den Wind an und dreht ihn gleich auf 20 Knoten (5 Windstärken) auf. Da hatten wir den Glauben daran, heute nochmal Wind zu kriegen, schon aufgegeben. So wurde doch noch ein Segeltag draus.

Hanfbutter

Sieht nicht so lecker aus, schmeckt aber ziemlich gut – auf Brot und mit ein bisschen Salz. Auf dem Zentralmarkt von Riga bekommt man Hanfbutter an einigen Ständen, an denen Molkereiprodukte verkauft werden. Hergestellt wird sie in kleinen Betrieben, die aus Hanf Öl, Butter und Aufstrich herstellen. Man kann die Hanfbutter auch anstelle von Öl oder Butter verwenden, um z.B. Pilze zu braten – sehr lecker! Das Ganze soll auch noch außerordentlich gesund sein. Was die Hanfbutter nicht kann: einen in andere Bewusstseinszustände versetzen. Entweder es ist eine andere Sorte oder man hat diesem Hanf das Berauschende weggezüchtet.

Rolling home

Es ist Montagabend in Kristianopel, am südlichen Ende des Kalmarsunds. Die letzte Woche dieser so wunderbar langen Segelreise ist angebrochen. Im Hafen liegen Yachten aus allen möglichen Ländern dicht bei dicht. Alle müssen oder wollen nach Hause und warten auf günstigen Wind. Zur Zeit weht es noch heftig aus Süd, also direkt von vorn. In die Richtung zu segeln, aus der der Wind kommt, ist bei moderatem Wind langwierig und mühsam und bei viel Wind unmöglich. Bis morgen soll der Wind auf West drehen, später aber wieder von Süden kommen. Das passt gut zu unserm Plan, noch ein oder zwei Tage in den Schären der Hanö-Bucht zu verbringen, bevor wir über Bornholm und Rügen zurück nach Greifswald segeln.  Dienstag früh um 6 Uhr. Der Hafen summt vor Geschäftigkeit. Der Wind kommt aus West, noch für ein paar Stunden, das muss ausgenutzt werden. Auch wir sind auf den Beinen. Noch einmal die aktuellen Prognosen der Wetterkanäle – Schwedisches Meteorologisches Institut, Norwegisches Meteorologisches Institut, Dänisches Meteorologisches Institut, windfinder, windy.com und wetteronline – im Internet durchsehen. Ups, das …

„Gottland“

Wenn die Schweden «Gotland» sagen, klingt das wie «Gottland». Wenn man nicht, wie wir, auf eigenem Kiel angesegelt kommt, kann man über «Gods Terminal» am Fährhafen von Visby einreisen. Im Yachthafen, der von sehr netten jungen Menschen am Laufen gehalten wird, herrscht die Protzerei. Gigantische Motorboote und fette Segelyachten. Wird Protzerei zu den Sünden gezählt? Sollte es vielleicht. Diese Boote scheinen die Aufgabe zu haben teuer auszusehen. Ästhetik spielt da nicht so eine Rolle. Aber leider sehe ich immer erst diese Ungetüme, bevor mein Blick auf die historische Kulisse von Visby fällt. Am Sonntag folgt dann auch ein Donnerwetter in Form eines Gewitters mit sintflutartigen Regenfällen. In der Stadt, deren historischer Kern überschaubar ist, an jeder Ecke eine Kirche. 11 als Ruinen, vor langer Zeit zerstört und so stehen gelassen. Auf ganz Gotland, das knapp 180 km lang und etwa 50 km breit ist, gibt es über hundert Kirchen, bis auf wenige alle zwischen 1100 und 1350 gebaut. Auch das hat mit Reichtum zu tun. Von Gotland aus wurde im Mittelalter Handel im gesamten Ostseeraum …