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Die fast letzten Meilen

Vier Uhr früh, der Wecker klingelt. Es ist noch dunkel vor den kleinen Kajütfenstern, wo gerade mal ein Augenpaar raussehen kann. Wenn man wollte könnte man den Hafen Simrisham sehen, mit seinem langen Schwimmsteg für Gästeboote, an dem heute fast ausschließlich deutsche Segler liegen. Zu so früher Stunde gibt es schon reges Treiben. Taschenlampenkegel funzeln über den Steg. Gedämpfte Stimmen rufen sich was zu. Motoren starten und Boote legen ab. Die ersten sind bereits mitten in der Nacht gestartet. Grund der ganzen Hektik ist wieder einmal das Wetter. Seit zwei Wochen haben wir Südwind in variierenden Stärken mit Regen und Gewitter. Und gegen den gilt es nach Hause zu kommen. Je nach persönlicher Beurteilung der diversen Wettervorhersagen und den eigenen Strategien haben die Crews ihren eigenen besten Startzeitpunkt. Die Diskussion um die aktuelle Wetterlage und unseren Kurs füllt gefühlt einen guten Teil der Tage aus. Aber jetzt ist es so weit, für einen Tag gibt es Südwestwind, der nachher noch auf West drehen soll. Die Windstärke liegt mit 18 Knoten so im oberen Bereich den wir uns zutrauen, wobei wir die Böen mit 24 Knoten einfach mal ignorieren. Als wir dann um fünf Uhr früh ablegen befinden wir uns in einem Konvoi von mehreren Yachten die zielstrebig an der Küste nach Süden streben. Wir haben als einzige die Segel oben aber lassen den Motor noch mitlaufen, da auch wir zu so früher Stunde auf den vor uns liegenden 70 Seemeilen nicht bummeln wollen. Wenn alles läuft sollten wir dann nach 14 Stunden, so gegen 19Uhr in Sasnitz eintreffen. Bei wenig Wind kommt uns eine lange Welle entgegen, über die wir gut hinwegschwappen ohne Fahrt zu verlieren. Die Segel ziehen ein wenig mit. Dann sind wir aus der Landabdeckung raus. Die Welle ist größer und stoppt schon etwas auf. Das bischen Mehr an Wind reicht nicht um ohne Motorunterstützung die Geschwindigkeit zu halten. Mit Sonnenaufgang sehen wir noch eine schwarze Wand am Himmel, die gerade nach Backbord abzieht. Steuerbords sieht es besser aus. Aber auch hier einzelne Regenfelder und fiese dunkle Wolken. Unser morgendlicher Konvoi zieht sich schnell auseinander, wobei wir deutlich in Lee zurückbleiben. Gegenüber den modernen Yachten haben wir noch das Problem, dass Rith mit Langkiel und wenig Tiefgang eine große Abtrifft hat und somit gegen Wind und Welle immer an Höhe verliert. Wir segeln also mehr als andere quer zur Fahrtrichtung.

Unter Segeln und Motor lassen wir die Gisch am Bug hochspritzen und hoffen, dass die versprochene Westdrehung möglichst bald einsetzt und auch die Welle mehr seitlich kommt. Bis Mittag dröhnt der Motor mit. Dann ist der Wind stark genug, dass nur die Segel reichen um im Schiff Fahrt zu behalten. In den Böen frischt es aber so stark auf, dass wir reffen müssen. Wir lassen es beim ersten Reff, da nach den Böen der Wind wieder zu schwach ist und wir in der Welle fast zum Stehen kommen. Dann erwischt uns das erste Gewitter. Wir können gerade so noch das Großsegel runterziehen und notdürftig zusammenbinden. Ein Starkregen setzt alles unter Wasser und Blitze zucken durch die Luft. Nachdem die Gewitterwolke mit uns fertig ist und abzieht, stehen wir ohne Wind in einem konfusen Wellenhaufen und versuchen unter Motor zumindest Richtung Ziel zu fahren, was bei ein bis zwei Knoten Fahrt nicht wirklich befriedigend ist. Der unstetige Wind kommt wieder und die nächsten Gewitterwolken sind im Anmarsch. Mal kommen wir durch eine Lücke hindurch, mal erwischt es uns wieder. Annettes Eintrag im Bordbuch: Schon das dritte Gewitter hintereinander. Auf der elektronischen Seekarte ist deutlich zu sehen, dass wir die Höhe nicht halten können. Das erste Gewitter hat uns mehre Seemeilen abdriften lassen. Spät dreht der Wind dann doch noch auf West und wir können unser Ziel Sasnitz wieder anlegen. Am Windpark reist dann noch die Schot der Starkwindfock und ein nicht angebundener Fender geht über Bord. Ich kann ihn noch lange weiß leuchtend in den Wellen sehen, wie er mit seinen beiden Festmacherenden winkt und denke daran, dass jetzt schlagartig unsere gemeinsamen Fahrten nach über zwölf Jahren beendet sind. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass wir keinen Rettungsversucht unternehmen. Aber so nah am Windpark, bei der Welle. Und selbst wenn wir ihn einholen, ist es nicht so einfach das glitschige Teil an Bord zu holen. Das hatten wir in diesem Urlaub schon mal, als wir versucht hatten eine uns entgegenkommende Luftmatratze in Form eines riesigen Pizzastückes an Bord zu nehmen, die wir am Ende hatten weitertreiben lassen müssen.

Aber zurück zur Überfahrt. Am Ende nimmt dann der Wind ab, die Welle kommt seitlicher und wir segeln beschaulich in die Abenddämmerung. Annette fragt sich noch was da für eine seltsame einzelne rosa Wolke am nachtblauen Himmel steht. Nach einigen Ufo-Spekulationen, und „da könnten sich irgendwie Sonnenstrahlen hinverirrt haben“, löst sich das Phänomen von selbst, als ein fast runder Mond auftaucht, der orange auf dunkelblau unsere Ankunft in Sasnitz ausleuchtet. Nach 18Stunden gibt es dann noch an der Außenpier ein Anlegebier.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass unsere Strategie gar nicht so schlecht war. Ein paar Segler, die in Simrisham um Mitternacht gestartet, und die wir am nächsten Morgen in Sasnitz neben uns wieder treffen, erzählen uns, dass sie ungefähr durch 20 Gewitter gefahren sind und trotz ihrer schnellen Boote auch in den Wellen hängen geblieben sind.

 

ein kleiner Felsen mit einem kleinen gemauerten Seezeichen darauf, direkt neben der Fahrrinne

Weißt du, warum der Wind immer von vorn kommt?

Ich weiß es nicht und wahrscheinlich stimmt es auch garnicht, aber es ist doch schon ein bisschen seltsam, dass wir den größten Teil dieses Sommers nördliche Winde hatten und der Wind an dem Tag, an dem wir die Heimreise antreten und den Bug nach Süden richten auf Süd dreht. Das bleibt weitgehend so, bis wir die Südspitze von Schweden erreicht haben. Ab jetzt wäre Südwind garnicht so schlecht – da, es ist nicht schwer zu erraten, dreht er auf westliche Richtungen. Der Wind kommt also immer von vorn. Peter sagt, das ist nur Wetter, aber ich kann nicht verhehlen, dass ich geneigt bin, das ein bisschen persönlich zu nehmen. Dieses „Wetter“ spielt sich einfach gerade ganz schön in den Vordergrund. Einen nicht unerheblichen Teil unserer Zeit verbringen wir damit, anhand der Vorhersagen Strategien zu entwickeln, wie wir am Besten nach Hause kommen. Da die Vorhersagen sich immer wieder ändern, müssen auch die Strategien immer wieder neu diskutiert werden. Das ist irgendwie auch ganz unterhaltsam, aber dann kommt der Moment, da werden die Leinen losgemacht und dann erklären uns Wind und Wellen, ob unsere Strategie gut ist oder nicht.

Nachdem wir drei Tage durch die Stockholmer Schären gekreuzt waren und die Nächte an schönen, gut geschützten Ankerplätzen verbracht hatten, war eine Nacht im Hafen fällig, um die Vorräte aufzufüllen und mal wieder zu duschen. Danach ging es vor allem darum, vorwärts zu kommen. Von Nynäshamn aus konnten wir, bei Südwestwind, hoch am Wind ganz gut die Küste entlangsegeln. Auch hier sind der Küste Schären vorgelagert und wir hatten uns überlegt, anstatt in einen der Häfen zu fahren, die alle ein paar Meilen hinter diesem Schärengürtel liegen, einfach einen schönen Ankerplatz zu suchen, ein paar Stunden zu schlafen und dann gleich wieder auf der Ostsee zu sein, um weiter zu fahren. Peter hatte in der elektronischen Seekarte eine Stelle ausgesucht, die als Ankerplatz ausgewiesen ist. Die Bucht ist ziemlich klein, aber gegen Südwestwind ganz gut geschützt. Leider schaffen wir es nicht, zum Festmachen so weit an den Felsen heranzufahren, dass Peter hinüberklettern kann. Egal, wo wir es versuchen, immer stoßen wir vorher auf Grund oder Steine. Einen anderen brauchbaren Platz haben wir auf dem Weg hierher nicht gesehen. Versuchen wir es mit Ankern. Die Bucht ist gerade so groß, dass sich Rith einmal um den Anker drehen könnte. Wir können allerdings auch nicht richtig in die Bucht hineinfahren, weil sie schnell flach wird. Ideal ist das alles nicht, aber wenn nichts Unvorhergesagtes passiert, wird es schon gehen. Passiert aber leider doch. Gerade stehen Kartoffeln, Bohnen und Spiegeleier auf dem Tisch, da kommt ein Gewitter, der Wind dreht auf Nord, weht damit genau in die Bucht hinein und der Anker fängt an zu slippen. Motor an und raus hier, sonst sitzen wir gleich auf Grund. Und wie kommen wir dann hier wieder weg? Am Anker hängt Seegras, als Peter ihn hochholt, das konnte nicht halten. Das Gewitter hat uns nur gestreift und sich schnell wieder verzogen, aber was machen wir jetzt? Ratlos fahren wir im Fahrwasser auf und ab, erwägen diese und jene Möglichkeit, verwerfen alle wieder. Der einzige geschützte Ort, den wir entdecken, ist ein Steg in einer schmalen Bucht, der zu ein paar Häusern gehört. Zwei große Steine liegen in der Einfahrt unter Wasser, an dem einen verwirbeln sich die Wellen, den anderen kann man nicht sehen. Sie sind aber auf der elektr. Seekarte verzeichnet und wir tasten uns zwischen ihnen hindurch und machen an dem Steg fest. Es sind offensichtlich Wochenendhäuser, zu denen dieser Steg gehört. In einem brennt Licht. Wir können aber keinen Menschen entdecken und auf unser Klopfen reagiert auch niemand. Es ist inzwischen schon ziemlich spät und die Wahrscheinlichkeit, dass noch ein Boot erscheint und den Platz beansprucht, den wir hier belegen, ziemlich gering. Also essen wir unser lauwarmes Abendessen und gehen ins Bett. Am nächsten Morgen hinterlassen wir zwei Flaschen Berliner Bier und einen Zettel mit einem Dankeschön auf dem Steg und machen uns auf den Weg. Das bisschen Wind, das weht, kommt genau von vorne. Fast den ganzen Tag läuft der Motor. Manchmal ziehen die Segel mit.

Am Nachmittag fangen die schönen weißen Wolken über der Küste an, sich unvorteilhaft zu verändern. Sie wachsen in die Höhe, werden graublauschwarz und legen sich einen bösen Böenkragen um. Gewitter. Wo zieht es lang? Kommt es auf uns zu? Wir nehmen das Großsegel herunter, damit wir nicht zuviel Segelfläche oben haben, falls uns das Gewitter erwischt, ziehen unser Ölzeug an und versuchen dem ganzen davon zu fahren, bzw. nicht in die Zugbahn zu geraten. Zum Glück bleibt es an Land, regnet sich dort ab und löst sich nach und nach wieder auf. Es bleibt nicht das einzige Gewitter des Tages und die ganze Nacht können wir noch Wetterleuchten über Öland und dem Festland beobachten, während wir in den Kalmarsund segeln. Hier kommt auch zum ersten Mal nennenswerter Wind auf. Und endlich aus West – das wurde schon seit zwei Tagen versprochen. Drei oder vier Stunden können wir segeln, dann nimmt der Wind wieder ab und dreht auf Süd, kommt also wieder mal von vorne. Erst abends, am Südende des Kalmarsundes frischt es auf. Schnell ist eine Welle da, gegen die wir mit dem Motor kaum vorwärts kommen. Die letzten 12 Meilen müssen wir kreuzen. Und jetzt liegen wir im Hafen von Sandhamn und stricken an den Strategien, die uns möglichst stressfrei über die südliche Ostsee bringen sollen.

karge Felseninsel mit ein paar kleinen Bäumen im Gegenlicht

Inselgefühle

Nur wir und die Natur. So hatte ich mir das vorgestellt in der Inselwelt der nördlichen Schären. Finnland, ein Land der endlosen, menschenleeren Wälder und Felseninseln. Segeln fern der Zivilisation. Naja, darüber, dass die Zivilisation überall Fahrwege markiert und Tonnen an Untiefen aufgestellt hat und wir uns nicht unsern Weg durch das Gewirr von Felsbrocken, Inseln und Steinhaufen selber „erloten“ müssen, bin ich schon ganz froh. Natürlich ist auch nichts dagegen zu sagen, dass alle anderen Schiffe und Boote diese Fahrwege ebenfalls nutzen. Und dass die Menschen, die hier leben, sich ihre Ferienhäuser an die schönsten Plätze der vielen Inseln bauen, kann ich verstehen. Vielleicht hat ja wirklich jede finnische Familie wenigstens eine kleine Hütte irgendwo auf einem Felsen? Da kommt dann schon einiges zusammen.

Insgesamt sind zwar eine ganze Menge Segelboote unterwegs, die scheinen aber ihre Nächte in Häfen oder an den vielen privaten Stegen zu verbringen. So haben wir die Ankerplätze, die wir uns danach aussuchen, ob sie gegen den aktuellen und den vorhergesagten Wind geschützt liegen, meistens für uns. Und das sind Ankerplätze, von denen aus der Blick nicht nur auf die beschriebenen Sommerhäuser, sondern auch auf Inseln hinter Inseln hinter Inseln fällt. Manche sind groß und „benadelwaldet“, manche nur eine Klippe mit ein paar windzerzausten Gräsern darauf. Irgendwo ist immer ein Schilfrand, an dem ein Reiher steht und in jeder Bucht gibt es eine Seeschwalbe, die unermüdlich im Kreis fliegt und sich ab und zu wie ein Stein ins Wasser fallen lässt, um dann gleich wieder durchzustarten, oft mit einem Fischchen im Schnabel.

Dunkelgrün und Grau sind die vorherrschenden Farben. Quarzadern und Flechten steuern ein paar Rosa- Orange- oder Gelbtöne bei und immer gibt es auch irgendwo ein paar Blumen, die kleine, kräftige Farbtupfer auf diesen Hintergrund zaubern.

Am schönsten ist es, wenn im Licht der tief stehenden Sonne nicht nur die vorhandenen Farben anfangen zu leuchten, sondern in den Schatten oder in den Wolken ganz neue Farben entstehen.

Wie Peter schon beschrieben hat, kommen wir selten an Land, weil dieses Land fast überall jemandem zu gehören scheint. An manchen Tagen ist es auch einfach zu kalt und wir begnügen uns damit, aus den Salonfenstern zu gucken. Wenn viel Wind ist, von dem immer ein wenig auch in die geschützteste Bucht findet, dreht sich Rithum ihren Anker und dann zieht die Landschaft an den Fenstern vorbei – hin, bis die Ankerkette die Bewegung stoppt und dann wieder zurück.

Nach unserm Besuch in Turku hat das Wetter umgeschlagen und der Wind auf Nord gedreht. Eine Woche lang sind wir von Ankerplatz zu Ankerplatz bis zu den Aland-Inseln gesegelt. Die Sonne ist noch immer warm und die Nächte sind noch hell, aber die Sträucher haben rote Beeren anstelle der Blüten und mit der kühlen Luft kommt der Gedanke, dass es langsam Zeit wird, wieder in Richtung Süden zu fahren. Einmal noch liegen wir auf einem sonnengewärmten Felsen in einer windgeschützten Ecke und sehen der Schwalbe beim Jagen zu, einmal noch, warm angezogen, in der Sonne gefrühstückt und den Frieden dieses Morgens genossen, dann packen wir zusammen und fahren nach Mariehamn, der Hauptstadt der Alands. Von hier aus soll es morgen nach Süden gehen. Und hier treffen wir noch einmal Jockel und Hillu aus dem WSV1921, die die gleiche Reise machen, wie wir, nur andersherum. Überraschenderweise ist auch der Alleinsegler, den wir am Anfang unserer Reise kennen gelernt haben, hier. Da müssen die Erledigungen, die wir uns für Mariehamn vorgenommen hatten – Arbeit, Blogbeitrag, Einkaufen, Tanken – auf morgen warten.

Die Fahrt von den Alands in die Schären nördlich von Stockholm ist anstrengend aber schnell. Mit zwei Reffs im Großsegel sind wir immer noch mit 6 Knoten unterwegs, was für Ritheine beachtliche Geschwindigkeit ist. Anstrengend ist, dass die Wellen von der Seite kommen, ausgesteuert werden müssen und öfter mal gegen den Rumpf klatschen und eine kalte Dusche in die Plicht schicken. Aber die Sonne scheint und alles ist in Ordnung, bis wir den Rand der Schären erreichen, das Gebiet, wo auf einmal überall Steine und spitze Felsen aus dem Wasser ragen und die Wellen um einiges höher sind als weiter draußen. Ausgerechnet hier fällt auf dem Navigationstablet die Satellitenverbindung aus. Die Tonnen des Tonnenstrichs sind, obwohl sie schon ganz nah sein müssten, in dem aufgewühlten Wasser nicht zu sehen. Auch mit dem Fernglas können wir sie nicht entdecken. Wer schonmal versucht hat auf einem auf den Wellen tanzenden Boot so etwas mit dem Fernglas anzuvisieren, weiß, was ich meine. Überall um uns her Felsen, an denen sich die Wellen brechen, da ist es nicht genug, die ungefähre Richtung zu wissen. Wir wenden und fahren erstmal wieder von der Küste weg, ins offene Wasser. Dann starten wir das Tablet neu und zu unserer großen Erleichterung funktioniert es wieder. Und weil es das Schicksal heute eigentlich gut mit uns meint, kommen die großen Fähren und der Frachter erst dann hinter uns her, als wir sicher am linken Rand des Fahrweges entlang segeln und ihnen ohne Schwierigkeiten ausweichen können.

Für den Abend suchen wir uns wieder eine Ankerbucht und werden kurz vorher von der schwedischen Küstenwache abgefangen und befragt. Eine richtige Kontrolle ist es nicht, sie fahren mit ihrem RIB neben uns her und stellen Fragen nach dem woher und wohin und wollen wissen, ob wir etwas zu verzollen haben.

Wir hatten mal wieder einen Plan:Wweil der Wind am Dienstag auf Süd drehen sollte und das die Richtung unseres Heimwegs ist, sind wir schon am Samstag von den Aland-Inseln nach Schweden gesegelt und wollen von Sonntag auf Montag über Nacht segeln, um vor der Winddrehung Öland zu erreichen. Am Sonntag Morgen weht es immer noch mit gut 4 Windstärken und Böen, die deutlich darüber liegen aus Nord. Und in den Wettervorhersagen ist die Winddrehung auf Süd auf einmal von Dienstag auf Sonntagnacht gesprungen. Erst den ganzen Tag hohe Wellen, dann kein Wind mehr und immer noch Wellen und mitten in der Nacht dann Wind von vorne? Nee. Der Plan wird geändert, wir drehen um und segeln stattdessen durch die Schären in Richtung Süden. Immer noch viel Wind und Böen, aber keine Wellen mehr und eine schöne sonnenbeschienene Insel-Landschaft zum Gucken. Die Nacht in einer lauschigen Ankerbucht verbracht und uns für den nächsten Tag mit einem Freund verabredet, der den Sommer hier auf einem Segelboot verbringt. Er liegt in einer Bucht auf Krokholmen, die wir am Montag nach einem halben Tag Kreuzen gegen den Südwestwind erreichen, und die so schön ist, dass wir über Nacht hierbleiben anstatt, wie ursprünglich gedacht, weiterzusegeln, um noch etwas Strecke zu machen.


Auf Anregung veröffentliche ich hier die Koordinaten der Ankerbuchten. Kann ja sein, dass jemand sie besuchen möchte. In der Regel haben wir in diesen Buchten auf 3 – 5 m Tiefe geankert. Bei unserem geringen Tiefgang von 1,35 m hatten wir auch keine Schwierigkeiten in die Buchten hineinzugelangen. Ohne das Navigationsprogramm, das zeigt, wo die Zufahrt tief genug ist, hätten wir uns in die meisten nicht hineingetraut, denn es liegen auch überall Steine herum, von denen man nicht alle sieht. Da ist natürlich jede und jeder für sein Schiff selbst verantwortlich und muss selber schauen, was geht. Diese Buchten waren bei den jeweilig herrschenden Winden gut geeignet, um geschützt in ihnen zu liegen und es sind Buchten, die uns gefallen haben, was nicht heißt, dass andere sie genauso mögen werden.

59° 56,20‘ Nord
024° 08,25‘ Ost
Neben dem Platz auf den Alands der schönste Ankerplatz. Man darf ihn sich nur nicht von den Motorbooten, die zwar nicht so sehr zahlreich, aber regelmäßig vorbei kommen, vermiesen lassen. Ein weiter Blick über die Insellandschaft und schöne Klippen mit Schilfrändern. Abends haben wir einen Otter beobachten können.

59° 57,01‘ Nord
022° 33,40‘ Ost
Hier haben wir am Felsen festgemacht. Ging auch ganz gut. Allerdings wurde Rith, als der Wind drehte, ein bisschen auf die Steine am Grund geschoben. Bugleine verlängert, Ankerleine des Heckankers etwas dichter geholt und das Problem war behoben. Später haben wir weiter vorne auf einem höheren Felsen einen Ring entdeckt. Das wäre wohl der bessere Platz gewesen. Auch hier ein schöner weiter Ausblick und ein wunderbarer Sonnenuntergang hinter der nächsten Insel.

60° 16,82‘ Nord
021° 54,58‘ Ost
rundum geschützter Ankerplatz an einer größeren Insel. Schilfufer und eine Reihe Stege für die Boote der Einheimischen. Der Wald und die Wiesen könnten auch in MeckPom liegen, aber da gibt‘s, glaube ich, nicht so viele Blaubeeren.

60°10,03‘ Nord
021°24,19‘ Ost
Nicht ganz so gut geschützt, aber guter Ankergrund. Rith hat sich viel gedreht, wenn etwas von den heftigen Böen bis zu uns durchkam. Hier wie überall Ferienhäuser an den Ufern, aber schöne Ausblicke auf viele Inseln.

60° 0,49‘ Nord
020° 30,15‘ Ost
Ankerplatz auf den Aland-Inseln. Erst wollten wir in die Bucht nebenan, aber die ist viel zu groß. Obwohl dieser Platz am Fahrwasser liegt, war es sehr ruhig, nur ab und zu kam ein Motorboot vorbei.

Krokholmen östlich von Ornö im Stockholmer Schärengarten
Gut geschützt bei südlichen Winden und wunderschön. Im Juli soll es hier sehr voll werden, aber jetzt ist es einfach zauberhaft. 

 

 


Als Fußgänger auf finnischen Autobahnen,

Seit Helsinki fahren wir durch die finnischen Schären. Alles ist super ausgetonnt. Es gibt die großen Fahrwege die von den Fähren und Frachtern genutzt werden und die vielen kleinen Wege zwischen den tausenden Inseln und Inselchen. Abgesehen von den Winddrehern ist es ein sehr gemächliches Gleiten ohne die Wellen, wie wir sie von der offenen Ostsee her kennen.

Unser Finnland-Insel-Bild müssen wir ein wenig korrigieren. Wir waren der Annahme, dass mit zunehmender Entfernung zu den Städten die Gegend einsamer wird. Aber egal wo wir langfahren, finden wir an den Ufern der Inseln kleine und große Wochenendhäuer mit Steg und Boot und Sauna und Hotpot. In den Ankerbuchten ist es zum Teil schwierig an Land zu kommen, da ein Privatgrundstück neben dem anderen liegt. Und irgendwie hatten wir die Vorstellung, dass hier zwischen den Inseln, die absolute Ruhe herrschen müsste. Aber es ist anders. Bis spät in den Abend hört man immer von irgendwo her einen Bootsmotor. Beliebt sind auch Motorboote ohne Schalldämpfer. Man hört sie lange bevor und nachdem sie an einem vorbeigefahren sind. Die Motorboote sind hier deutlich in der Überzahl. Und ich bin mir sicher, sie mögen die lahmen Segler nicht.

In Lohusalu /Estland lag neben uns im Hafen so ein RIB. Ein großes Schlauchboot mit zwei 300PS Außenbordmotoren. Und ich fragte mich wozu das gut ist. In Finnland ist das die Grundausstattung an Leistung. Bis auf wenige Finnen nimmt hier auch keiner das Gas weg oder macht um so einen Segler einen größeren Bogen. Für einen kurzen Gruß ist meistens Zeit, aber ansonsten heißt es in den Motorbooten: Hebel auf den Tisch, festhalten und stur geradeaus gucken.

An einigen Stellen stehen die Tonnen sehr eng aneinander und selbst wir mit unserem kleinen Boot müssen uns konzentriert dort hindurchzirkeln. Kommen dann ein, oder zwei, oder drei … Motorboote entgegen oder von achtern, heißt es bei uns nur noch: kurz grüßen, festhalten und die Wellen ertragen. Die meisten Finnen fahren garantiert nicht langsamer und zeigen einem immer wieder gerne wie richtiger Sog und Wellenschlag geht.

In Turku haben wir im zentralen Stadthafen festgemacht. Die Lage zwischen Burg und Altstadt ist ideal. Zur anderen Flussseite, wo der nächste Supermarkt liegt, pendelt ab 10.00Uhr eine kostenlose Fähre. Ansonsten gibt es ein paar Museen die alte Markthalle und viel Leben auf den Straßen. Wir sind hier an einem Sonntag Mittag angekommen. Hafen und Flussufer sind die zentralen Treffpunkte für die Turkuer und auch auf dem Wasser zeigt man sich gerne. Hier zwar nicht mit Vollspeed aber doch noch so flott, dass die Boote bei Jedem der an ihnen vorbeifährt in der Heckwelle hopsen. In diesem Hafen sind Ruckfender in den Leinen unbedingt zu empfehlen. Nach einem Tag Turku und nachdem wir unsere Vorräte aufgefüllt haben, sind wir froh uns wieder an in die Schären zu verabschieden um einen einsamen Ankerplatz zu suchen.

 

Zwei kleine Felsen, die aus dem Wasser schauen im Abendlicht, der eine graublau, der andere orangerot erscheinend

60° 26‘ 2“ Nord 022° 14‘ 3“ Ost (Turku) 32°C

Es ist der nördlichste Punkt unserer Reise und es ist der heißeste Tag. In Turku steigt das Thermometer heute auf 32°. Der Stadtspaziergang findet auf der Schattenseite der Straßen und in halbem Tempo statt. Auf der einen Seite des Flusses vom Yachthafen durch das Zentrum bis zum Dom und auf der anderen Flussseite zurück.
Unter „Turku“ hatte ich mir eine nicht sehr große, alte, aus schönen Holzhäusern bestehende Stadt vorgestellt. Der Name „Turku“ klingt für mich nach Holz. Aber es ist wie so oft: Alles ganz anders. Es gibt hier und da ein schönes großes oder kleineres altes Holzhaus, aber mein Bild der Stadt wird bestimmt von großen Wohnhäusern in allen Stilrichtungen seit den 50er Jahren.

Vor einer Woche sind wir von Tallinn nach Helsinki gefahren. Hatten uns diesen Montag herausgesucht und alles andere darum herum geplant, weil an diesem Montag anstelle des in diesem Sommer vorherrschenden Nordwinds, Südwind bzw. Südostwind sein sollte. Und dann geraten wir in eine Regenwolke, in der nur Regen ist, ohne Wind und motoren fast die ganzen 50 Seemeilen im Regen.

Ab da geht es dann mit dem Wetter aber rasant aufwärts. Wir liegen im Yachthafen von Suomenlinna und damit direkt in einer der Sehenswürdigkeiten von Helsinki. Suomenlinna ist eine Seefestung, die auf 4 untereinander verbundenen Inseln liegt. Die Arbeiten begannen 1748, als Finnland zum Königreich Schweden gehörte. Im 19. Jahrhundert ist sie ein russischer Militärstützpunkt. Seit 1991 gehört sie, als Beispiel für europäische Festungsarchitektur zum UNESCO Weltkulturerbe. Natürlich sieht man den Gebäuden ihre militärische Bestimmung an und ein Teil wird wohl auch noch vom Militär genutzt, aber viele Häuser enthalten Werkstätten, werden bewohnt oder beherbergen Cafés und Restaurants. Es gibt eine Bibliothek, ein Hostel, ein Museum und, besonders beeindruckend, eines der ältesten noch in Betrieb befindlichen Trockendocks Europas, in dem im 18. Jahrhundert die Schiffe der Archipelflotte gebaut wurden und in dem heute Traditionsschiffe restauriert werden. Natürlich darf auch eine Kirche nicht fehlen, denn man kämpfte und eroberte ja nicht ohne Gottes Segen. Diese ist von aufrecht stehenden Kanonenrohren umstellt, die mit Ketten verbunden den Zaun bilden. Vom Kirchturm bläst abends um zehn ein Trompeter den Zapfenstreich(?). Einige Finnen auf den Nachbarbooten holen dann ihre Nationalfahne herein. Auf mich wirken solche Rituale immer etwas befremdlich.

Am Dienstag fahren wir mit der Fähre nach Helsinki und laufen den ganzen Tag durch die Straßen. Eigentlich suchen wir einen Yachtausstatter. Peter hatte auch eine Adresse im Internet gefunden. Als wir dort ankommen, sind ein paar Bagger gerade dabei, die Reste des blauen Gebäudes, in dem sich das Geschäft befinden sollte, einzureißen. Yachtausstatter sind offensichtlich rar in Finnland. Eine weitere Adresse finden wir in dem Internet, dessen Sprache wir verstehen, nicht. Wir werden wohl ohne einen Schärenatlas auskommen müssen.

Die Felsenkirche, eine Kirche, die in den 60er Jahren mitten in der Stadt in einen Felsen gegraben worden ist – wunderschön, mit einem runden Kupferdach- schauen wir uns an und den Dom und eben viele Straßen. Besonders gefällt mir eine Fahrrad- und Fußgängerstraße, die da, wo bei den Berliner Boulevards der Mittelstreifen ist, ein paar Meter unter Straßenniveau durch den felsigen Untergrund verläuft. Mit dem Fahrrad quer durch die Innenstadt kommen, ohne vom Autoverkehr bedrängt zu werden, das würde ich mir für Berlin auch wünschen!

Die nächsten Tage segeln wir durch die Schären und verbringen die Nächte an Ankerplätzen, die alle wunderschön sind, aber nie leise. Bis auf ein paar Nacht- und Morgenstunden hört man praktisch immer den Motor eines (oder mehrerer) Motorboote*s. Aber die vielen kleinen und größeren Inseln sind wunderschön, die Sonnenuntergänge furios und es ist so warm, dass wir jeden Tag baden können. Und auch wenn der Juli sich langsam dem Ende zuneigt, wird es hier nachts nicht dunkel, was den Tagen einen ganz besonderen Zauber verleiht.

Nachtrag am 29. Juli: Turku hat neben dem Dom eine große, sehr schöne Mittelalter/ Renaissance-Burganlage, die zu besichtigen wirklich spannend ist. Und ich habe verstanden, dass es so eine komplette Altstadt hier nicht gibt. Vielmehr mischt sich Altes und Neues zu einer lebendigen Stadt.

 

 

Blick ins Abendrot im Hafen von Tallinn mit großen und kleineren Schiffen im Gegenlicht

Tallinn

Der Motor dröhnt, das Vorsegel hängt schlaff vorm Mast herunter und es regnet seit heute Morgen, als wir abgelegt haben, um nach Helsinki überzusetzen. Und es gibt überall diese kleinen Fliegen, die sich lieber totquetschen lassen, als aus dem Weg zu fliegen oder am besten ganz abzuhauen. Und das trotz Regen. Gestern Abend sah die geplante Überfahrt von Tallinn noch viel besser aus. Der Wettervorhersage nach sollte es am Vormittag noch schönen Süd-Ost-Segelwind geben, der uns bei Sonne gemütlich nach Helsinki schieben würde. So um diese Zeit sollte es dann in Tallinn anfangen zu regnen, wir hätten schon die halbe Strecke geschafft und würden nur die dunklen Wolken am Horizont sehen, und denken „gut, dass wir jetzt nach Helsinki fahren“. Bei einem Sonnenwetter so schön wie an den letzten beiden Tagen, an denen wir auf unseren Klapprändern Tallinns viele verschiedene Stadtviertel erkundet haben.
Angekommen waren wir Freitagabend am Ende eines schönen Segeltages, der in Lohusalu begann. Ein Zwischenhafen mit viel Natur drum herum. Hier kam wieder der Wunsch auf ein paar Tage länger zu bleiben und die Gegend zu erkunden. Aber wenn wir noch Helsinki und die Alands erreichen wollen und die Zeit für den Rückweg mit bedenken, können wir nicht groß ‘rumtrödeln.
In Tallinn gehen wir entsprechend verschiedener Empfehlungen in den Hafen Lennusadam und nicht in den Stadthafen wie ursprünglich geplant. Viele Empfehlungen kriegen wir von Uli aus unserem Segelverein, der mit ein paar Wochen Vorsprung die gleiche Tour macht. Witzig ist, dass das im vorletzten Jahr auch schon so war. Im Nachhinein ist das dann so, wie wenn man im gleichen Film war und sich beim Rausgehen erzählt was man gerade gesehen hat.
Aber zurück nach Tallinn. Estlands Hauptstadt ist, wie so viele Orte, die wir auf dieser Fahrt besucht haben, ein Platz mit einer wechselvollen und langen Geschichte. Schon beim ersten Rundgang nach unserer Ankunft fallen die vielen unterschiedlichen Spuren auf, die die Epochen hier hinterlassen haben. Der Hafen gehört zur ehemaligen Wasserflugzeugwerft aus den 1920er Jahren, die heute Museum ist. In den Hallen gibt es eine sehenswerte Ausstellung und auf dem weitläufigen Gelände können verschiedene Schiffe besichtigt werden. Als nächstes kommen wir an einem festungsartigen Bau vorbei, der als ehemaliges Gefängnis “Patarei“ ebenfalls eine Ausstellung beherbergt, die wir uns jedoch nicht ansehen. Tallinn ist etwas bergig. An den Hängen stehen alte gepflegte Holzhäuser und neue moderne Gebäude nebeneinander, wobei auffällt, dass Estlands Architekten den historischen Stil geschickt mit der skandinavischen Moderne verbinden. Ausrutscher gibt es natürlich auch hier. Vor der Altstadt kommen wir dann noch an einem Kulturzentrum vorbei, das in ein altes Heizkraftwerk eingezogen ist. Hier ist nichts edelsaniert. Alles ist mit geringstem Aufwand aber wirkungsvoll für die Ausstellung hergerichtet. Der Eintritt ist im Übrigen frei.
Über das Hafentor gelangen wir dann in das mittelalterliche Herz der Stadt und mitten in die Touristenströme, mit denen wir bisher noch keinen Kontakt hatten. Die zum Großteil verkehrsfreie Innestadt ist liebevoll restauriert. Auch wenn es wenig großflächige Schaufenster gibt, befindet sich in fast jedem Haus ein Souvenirshop, Boutique oder Gaststätte. Der Abend geht dann noch mit Schlendern durch die Stadt und einem Bier in einer Gasse zuende. Am Samstag wollen wir dann zum Markt. Annette sucht immer den lokalen Wochenmarkt, um einen Eindruck von Land und Leuten zu bekommen. Der empfohlene Balti-jaam-turk am Bahnhof stellt sich aber als eine Art Themenkaufhaus in schickem Design heraus. Nicht das, was wir suchen. Es gibt aber noch den Zentralmarkt, südöstlich der Altstadt. Auf dem Weg dorthin erleben wir den regen Autoverkehr, fahren durch eine Art Finanzviertel mit viel Glas, Beton und Stahl und kommen auf einem Marktplatz an, der eingerahmt von grauen Plattenbauten, eine so ganz andere Welt zeigt. Leider sind wir spät dran. Zuerst sehen wir nur einen Obst- und Gemüsestand, der auch schon am schließen ist. Die einzige Kundin erklärt uns, dass das die billigste Ecke des Marktes ist. Weiter nördlich gibt es noch mehr Stände. Auch dort bereits Aufbruchstimmung. Nachdem wir eingekauft und unsere Transportmöglichkeiten ausgeschöpft haben, strampeln wir wieder in Richtung Boot. Diesmal am Stadthafen vorbei, um zu sehen, was uns entgangen ist. Der Stadthafen liegt zwar etwas näher an der Altstadt, aber bekommt die ganzen Touriströme der anlegenden Fähren und Kreuzfahrtschiffe, einschließlich PKW- und LKW-Verkehr ab. Wir sind froh in Lennusadam angelegt zu haben. Wobei auch dort einiges im Umbruch zu sein scheint. Wie überall in Tallinn wird auch in diesem Hafen kräftig gebaut. Gleich nebenan befindet sich ein riesiges Areal um die alten Werfthallen mit dem Namen „Noblessneri“ und sieht auch so aus.
Nach zwei Tagen Tallinn wollen wir weiter. Viele verschiedene Eindrücke konnten wir sammeln. Wir hätten hier auch eine ganze Woche verbringen können, ohne uns zu langweilen. Aber es war ja dieser tolle Segelwind angesagt und bei Flaute mit Regen wollten wir nun auch wieder nicht die ganze Strecke motoren.
Es regnet im Übrigen immer noch. Der Motor dröhnt. Zweimal wurde ich von einer der riesigen Fähren überrascht, als ich, einpackt im Pullover und Ölzeug, den Gedanken hatte, mich mal wieder umzudrehen, um nachzugucken, ob nicht eine Fähre im Anmarsch ist. Und dann waren sie auch schon da. Groß, hoch grün und schnell.

„Kyklava, Kyklava Kyklava…“

Das erste, was wir in der Regel von einem neuen Land mitbekommen, sind Wörter aus dem Funkgerät. „kyklava, kyklava, kyklava“ scheint das Pendant zu „securité, securité, securité“ zu sein, womit die Warnmeldungen und Wettervorhersagen der Funkstationen eingeleitet werden. Die Ansagen werden von der estnischen Funkstation Tallinn Radio erst auf Englisch gemacht und dann auf Estnisch wiederholt und mit diesem schönen Wort eingeleitet*.
Jede Funkstation hat offensichtlich eine Handvoll von Leuten, die sich in Schichten abwechseln. Wenn man länger unterwegs ist, lernt man ihre Stimmen kennen und ihre Eigenarten bei den Ansagen. Tallinn Radio hat einen Funker, dessen Sprachmelodie die endlosen Wälder und die Weite der leeren Wasserflächen wiederzugeben scheint und an Melancholie kaum zu überbieten ist.

Schon auf der Fahrt von Färosund im Norden von Gotland nach Estland, begegnen wir wenig Schiffen. In der Irbenstraße, die in die Rigaer Bucht hineinführt und in der wir uns im letzten Jahr durch richtig viel Verkehr fädeln mussten, nur ein einzelner Frachter. Und dann segeln wir an diesem frühen Sonntagmorgen mutterseelenallein im Sonnenschein an der Insel Saaremaa entlang auf Kuressaare zu. Seit Samstag Morgen sind wir unterwegs. Die Nacht war ruhig. Nur die Wellen nervten mal wieder. Bei wenig Wind brachten sie, von der Seite anrollend, Rith immer wieder vom Kurs ab, sodass wir die ganze Zeit aufmerksam steuern mussten, anstatt den Mond anzuträumen. Einmal auf‘s Tablet geguckt, ob der Kurs noch so stimmt, zack fällt das Segel ein.

Aber jetzt ist Sonntagmorgen, so ein frischer, hellblauer Sommersonntagmorgen und eine freundliche Brise bläst uns auf ein neues Land zu.

Aufmerksam und freundlich empfängt uns Estland in Person des Hafenmeisters von Kuressaare, der mit mir herumgeht und mir alles zeigt und stolz ist auf seinen Hafen – das kann er auch sein. Alles ist sehr gut und dazu in schöner Architektur untergebracht. Moderne Architektur, das ist ein erster Eindruck von Estland. Und zwar in unseren Augen meistens sehr gelungene moderne Architektur bei vielen neuen Gebäuden. Die schönen alten Häuser – viele Holzhäuser – werden aber auch nach den Möglichkeiten gepflegt und restauriert.

Nachdem wir uns ein bisschen ausgeruht haben und dabei zuschauen konnten, wie Fallschirmspringer über uns aus einem Flugzeug sprangen, herniedersegelten und auf einer Wiese in der Nähe des Hafens landeten, spazieren wir in die Stadt. Eine sehr gut erhaltene mittelalterliche Burg gibt es, ein Kurhaus aus dem 19. Jahrhundert in Holz-Bäderarchitektur und ein Kleinstadtzentrum mit vielen Restaurants in der Fußgängerzone. Menschen flanieren auf und ab – ein paar kennen wir schon vom Sehen aus der Burganlage – es ist alles sehr klein und man begegnet sich immer wieder. Aber anders als in Borgholm auf Öland wirkt das hier nicht trostlos sondern geruhsam. Man geht herum, schaut, wo man zu Abend essen möchte, die Kinder balancieren auf den Kantensteinen, die zum Einbau in den neuen Bürgersteig bereit liegen. Es gibt den Strand und die Natur und für Regentage ein Museum, die Kirchen oder eine Galerie. Niemand scheint den Kick einer Disko oder sonstiger Animation zu vermissen. Wer will, kann in der offenen Veranda im Kurhaus einen Film gucken, für den gerade die Stühle gestellt und der Beamer aufgebaut wird.
Vielleicht sind es diese endlosen Sommertage, die alle so entspannt sein lassen? Nichts muss vor dem Dunkelwerden erledigt werden, denn es wird nicht wirklich dunkel.

Nach einer estnischen Pizza (so wie italienische, aber mit viel Teig) und einem sehr guten Bier aus einer kleinen lokalen Brauerei, gehen wir zufrieden ins Bett.

Einen wunderbaren Segeltag später haben wir Saaremaa halb umrundet und wollen eigentlich in den Hafen von Muhu. Da erwischen uns kurz vorher heftige Regengüsse mit den entsprechenden Winden und wir entscheiden uns für den näheren Hafen von Virtsu. Kontrastprogramm: Ein Steg hinter einer dort fest liegenden Ostseefähre. Blick auf den Fährterminal der Fähre vom Festland nach Muhu und Saaremaa. Zwei deutsche Boote, ein estnisches und wir. Es regnet. Von den anderen Deutschen erfahren wir, dass der Hafen von Muhu komplett voll ist. Estnische Regatta. 160 Boote, die sich so drängeln, dass nur ein Platz in der Hafeneinfahrt gewesen wäre, aber dann wäre die restlos blockiert gewesen.
Ein Hafenmeister lässt sich nicht blicken. Man kann aber wohl die Toiletten des Fährterminals benutzen und Strom gibt es auch. Später entdecken wir den Hafenmeister in einem Häuschen an Land. Er ist ein bisschen aufgeregt, dass jemand kommt, um die Liegegebühr zu bezahlen. Als ich nach der Toilette frage, bietet er mir an, seine hier zu benutzen und am Ende kommt er mir nach, um mir Kekse anzubieten.

Auf den Zufahrtspuren zum Fähranleger stehen ein paar wartende Lastwagen. Der Wartesaal im Terminal ist verlassen. Vor der Kasse und dem Buffet sind die Rolläden herunter gelassen. Eine Röhrenlampe schwingt im Luftzug der Klimaanlage hin und her.

An der Straße verlassene Häuser. Nur in einem Fenster im ersten Stock eines ansonsten offensichtlich unbewohnten Hauses brennt Licht und sind ein paar Möbel zu erkennen. Verblichene Schilder an den Gebäuden „Bar“ und „Catering“ steht da. Aus den Geschäften ist nichts geworden. Dazwischen ein kleines gelbes Holzhaus mit einem gepflegten Obst- und Gemüsegarten. Eine 24-Stunden Automatentankstelle und ein Coop. Was für ein Ort.

Wenig Wind auf dem Weg nach Haapsalu. Dafür wieder Regen. Peter wird einmal so richtig nass. Und entdeckt einen dicken Stein im Wasser, der weder in der Karte noch im Navionics verzeichnet ist.

Von Haapsalu hatte ich gelesen, dass es hier einmal im Jahr ein Rockfestival gibt. Bei dem echte Größen auftreten. Dieses Jahr kommen Katie Melua und Chris de Burgh. Ich würde gerne mal einen Tag bleiben, aber der ewige Nordwind dieses Sommers macht in den nächsten Tagen nur ein Pause, in der es günstig ist, den Schlag von Tallinn nach Helsinki zu segeln und von da an zurückgerechnet, ist ein Tag Pause nicht drin. Was wirklich schade ist, denn Haapsalu ist ein bemerkenswerter Ort. Ein alter Meeresschlammkurort, in dem sich neben mehreren Zaren auch viele andere Promis mit Matsch belegen ließen. Die große Anlage einer mittelalterlichen Bischofsburg mitten im Ort. Hier findet nicht nur das Rockfestival, sondern auch andere Veranstaltungen und Konzerte statt. Aber auch im großen Kurhaus aus dem 19. Jahrhundert ist jede Menge Kulturogramm. Schöne alte Holzhäuser, ein großer Park am Wasser und ein paar gemütlich aussehende Kneipen an der Hauptstraße. Bis um Mitternacht sind wir mit unsern Fahrrädern unterwegs, um zu schauen, was wir uns morgen genauer ansehen möchten, bevor wir weiter segeln. Inzwischen sind nur noch wenig Menschen unterwegs, aber in einem kleinen Coffeeshop an der Hauptstraße steht die Tür offen und drinnen sitzen ein paar Menschen und diskutieren.

Am Mittwoch schauen wir uns noch einmal bei Tageslicht um, gehen einkaufen und dann in den kleinen Coffeeshop, dessen schottischer Betreiber eben öffnet. Etwas zu essen steht auch auf der Karte, aber er möchte uns nichts machen, weil es gestern spät geworden ist und er die Küche noch nicht aufgeräumt hat. Da ist es ihm unangenehm, etwas zu essen für uns zuzubereiten. Aber einen Kaffee können wir gerne kriegen. Und dann sitzen wir auf dem Sofa, trinken Kaffee und sind sofort in ein angeregtes Gespräch mit ihm und seinem Stammkunden und Freund vertieft. So erfahren wir, was es in Haapsalu noch alles für Veranstaltungen gibt, wie es im Winter hier ist, dass auch zwei Schamanen in der Gegend wohnen und noch vieles mehr. Am Ende dürfen wir uns mit einem großen Filzstift an der Wand verewigen. Wer jemals nach Haapsalu kommt und in diesen Coffeeshop geht, findet unsere Namen in der Fensternische. Und dann werden wir noch an einen Freund empfohlen, der eine kleine Kneipe zwei Querstraßen weiter betreibt. Wir haben Glück, der Freund ist da und hat gekocht. (Es kann vorkommen, dass er keine Lust hat oder dass ihm etwas dazwischen kommt) Es gibt hier mittags ein Essen, das für ca. 10 bis 12 Leute reicht. Er sagt, wenn er für mehr Leute kocht, ist es nicht mehr wie „selbst gekocht“. Falls mehr Leute kommen muss er eben nochmal kochen. Heute gibt es Reis mit Hühnchen und Rucolasalat und zum Nachtisch einen wunderbaren Eierpfannkuchen mit Vanilleeis. Es schmeckt, als hätte uns ein Freund bekocht. Wunderbar.

Ganz beseelt von diesen Begegnungen radeln wir zurück zum Hafen und werden mal wieder von einem Regenschauer überrascht. Nicht sehr lange, aber es reicht, um die Wäsche, die wir morgens gewaschen und aufgehängt hatten, wieder nass zu machen. Kurz bevor wir los wollen zieht dann noch ein mächtiges Gewitter heran. Auf einmal pfeift es mit geschätzten 30 Knoten Wind, also richtig viel. Dem hält der Haken, mit dem unsere Heckleine an der Mooringboje befestigt ist, nicht stand. Dumm, die Leine nicht durch das Auge an der Boje gezogen zu haben. Was täten wir ohne unseren Schutzengel? Wir liegen am äußeren Ende des Kais. Der Wind drückt Riths Heck so herum, dass ein guter Teil des Bugs seitlich an der Holzpier anliegt und Rith dadurch nicht weiter herum und in das Nachbarboot hineintreibt, dass im rechten Winkel zu uns an der anderen Seite der Pier liegt. So entsteht kein Schaden. Weiche Knie, aber sonst alles gut. Ich würde jetzt am liebsten hier bleiben, denn da kommen noch mehr Gewitter. Die ziehen allerdings nach Südwesten ab und wir fahren nach Nordosten, also starten wir dann doch noch und erreichen kurz nach Sonnenuntergang, um 22.30 Uhr Dirhami.

Ich merke, dass es mich anstrengt, jeden Tag weiter zu fahren. Im letzten Jahr haben wir mehrmals Zeit an einem Ort verbracht und alles war entspannter. Aber in diesem Jahr ist die Strecke, die wir uns vorgenommen haben ziemlich viel weiter, als im letzten Jahr. Das hatte ich unterschätzt. Wir sind ja frei unsere Pläne zu ändern, wir diskutieren das auch, aber es fühlt sich auch nicht gut an, zu sagen, wir verzichten auf Helsinki oder die Aland-Inseln. Die Gelegenheit so lange zu segeln, werden wir so schnell nicht wieder haben und so suche ich lieber für mich einen Weg, mit der gegebenen Situation klar zu kommen. Wenn es so ist wie heute mit wenig Welle und Sonnenschein und ich unterwegs arbeiten und schreiben kann, ist das auch garnicht so schwer.

*Ich habe schon ein paar Esten gefragt, es konnte mir aber bisher noch niemand sagen, was das bedeutet bzw. was das für ein Wort ist. Vielleicht verstehe ich auch etwas völlig anderes, als der oder die Funker*in sagt.

 

Kirchenruine

Immer wieder Visby

Byxelkrog als Absprunghafen für die große Überfahrt sind wir aus rein praktischen Gründen angelaufen. Auch um nochmal Mails zu checken, Diesel nachfüllen – die Tanke ist gleich oben an der Straße, Wäsche waschen und dann mit dem angesagten halben Wind zwei Tage und Nächte bis Sareema durchzufahren. Guter Plan. Die Wettervoraussage zeigte, dass es bis Gotland noch etwas gegenan geht, dann aber in der Nacht der Wind nachlässt und wir, so ab Mittag wenn die Nordspitze von Gotland quer ab liegt, mit gutem Wind von der Seite bis an unser Etappenziel gelangen können. Später sollten wir aber nicht starten, da dann am Ziel der Wind auf Ost dreht, also genau von vorn kommt.

Früh haben wir dann unsere Wäsche zusammengesucht und die Waschmaschine gefüttert. Gegen Mittag war alles sauber und nass. Der Trockner zuckte erst gar nicht, konnte dann aber vom etwas genervten Hafenmeister überredet werden sich zu bewegen. Der Erfolg nach einigen Stunden war leider nur mäßig. Wir haben unseren ganzen Kram dann über und unter Deck aufgehängt, in der Hoffnung bis zur Abfahrt es wenigstens so trocken zu kriegen, dass es zwei Tage später nicht schlimmer als vor der Wäsche stinkt. Diesel auffüllen ist dann auch ausgefallen, da die automatische Zapfanlage leider „out of order“ war. Zum Glück haben wir ein Segelboot und brauchen eigentlich gar keinen Motor und Diesel. Früher ging es auch ohne. Durch das permanente Pfeifen in den vielen Rigs konnten wir uns sicher sein, dass Wind ist.

Mails checken und ein paar Dateien hochladen ging dann auch besser übers Telefon, da das Hafennetz immer am Anschlag war. Ein weiterer Vorteil von unserem Plan abends zu starten war, dass wir die Liegegebühr für eine Nacht sparen konnten.

Also endlich raus aus Byxelkrog. Ein wenig Hafenkino für die Dagebliebenen, wir sind die einzigen die rausfahren, und rein in die Welle auf Kreuzkurz. Nach fünf Minuten ist alles nass. Das erste Reff, das wir schon im Hafen reingebunden haben, reicht nicht. Mit dem zweiten Reff läuft Rith ganz gut und auch die Erfolge auf der Kreuz sind ganz passabel. Der Wind soll ja abnehmen und wenn wir von der Küste und den vorgelagerten Flachs weg sind sind die Wellen hoffentlich auch nicht mehr so schlaglochartig.

Der Wind wird dann auch irgendwann weniger, die Welle nicht. An schlafen ist nicht zu denken. Essen mag auch keiner so richtig. Draußen ist eine seltsame Stimmung. Wir reffen aus, schaukeln in den Wellen rum, kommen aber nicht wirklich vorwärts. Da das Reffen bei uns nur am Mast geht muss ich mich jedes Mal aufraffen um auf dem hopsenden Schiff nach vorne zu kriechen.

Nach Mitternacht ist es kurz dunkel, dann wird es auch schon wieder etwas hell. Wir können gut die herannahenden Wolkenwalzen sehen und versuchen auszuweichen. Da es gerade noch so schön gemütlich ist binden wir wieder das zweite Reff rein. Keinen Moment zu früh. Der Wind nimmt stark zu und Rith reitet mit uns über die nächtlichen Wellen, die durch den Wind angestachelt, jetzt auch wieder größer werden. Ein paar Mal erwischt uns eine brechende Welle, die es dann auch gleich per Salto bis in die Plicht schafft. Macht trotzdem Spaß. In jeder Welle spritz die von der Buglaterne rot und grün erleuchtete Gischt seitlich an uns vorbei und es geht voran. Leider schieben uns die Wellen immer wieder zurück. Bei manchen Kreuzschlägen können wir kaum Höhe gewinnen. Jetzt spüren wir auch deutlich den fehlenden Schlaf und der Plan zwei Tage durchzufahren ist doch nicht mehr so lockend. Auf der Suche nach Plan B macht Visby auf Gotland das Rennen. Den Hafen kennen wir vom letzten Jahr und könnten so gegen zehn Uhr da sein. Völlig übernächtigt laufen wir ein und werden äußerst freundlich in Empfang genommen. Als Ortskundige bleiben wir gleich an der Außenpier. Aus dem Stadthafen dröhnt schon die Gute – Laune – Musik herüber. Danach ist uns gerade nicht. Beim Festmachen verheddert sich ein Fender in einer der reichlich vorhandenen Murings, wodurch wir gleich mal quer einparken. Nachdem alles klariert ist verziehen wir uns in die Kojen und kommen erst am Nachmittag wieder hervor. Jetzt eine Dusche. In Byxelbrog war aufgefallen, dass die ganze Technik in die Jahre kommt, in Visby geht es so weiter. Nachdem ich die Dusche mit meiner Karte aktiviert habe spritzt ungefähr genau so viel Wasser aus der Armatur wie aus dem Duschkopf. Wenn ich mich an die Wand quetsche wie an einen Marterpfahl geht es so einigermaßen mit dem duschen. Am Abend erkunden wir noch ein paar Ecken von Visby, die wir im letzten Jahr nicht gesehen hatten. Die Stadt ist von ihrer Mittelaltersubstanz einfach phänomenal.

Der nächste Morgen verwöhnt uns mit Sonne ohne Wind und Welle. Wir wollen weiter gen Norden. Kein Wind stimmt nicht ganz. Am Anfang war wenig Wind und wir haben wider brav versucht zu kreuzen. Nach drei Stunden wurde beschlossen es ist kein Wind und der Motor ging an. Der Plan für heute war nur einen kleinen Hafen im Färösund zu erreichen um dann am Samstag + Sonntag unsere große Überfahrt zu beenden. Die letzten drei Stunden gab es dann doch noch schönen Segelwind und hat uns mit dem Wetter wieder versöhnt. Die trichterförmige Einfahrt in den Färösund endet in einer geraden, eng mit Tonnen ausgelegten Passage. Danach reihen sich drei kleine Häfen auf. Der erste ist der Fischereihafen, in dem auch die Fähre zwischen Gotland und Färö anlegt, einem Hafen mit einem kleinen Hafenbecken an einer Werft und am Ende der kleine Vereinshafen Smäbätshamn. Wir fahren in den mittleren, der auch schön voll ist. Beim ersten orientieren im Hafenbecken werden freundlich aber entschieden gleich ans Ende vom Becken verwiesen, wo noch eine viel zu kleine Lücke zwischen den Booten ist. Keiner will uns ins Päckchen nehmen. Das erleben wir zum ersten Mal. Nach mehreren Versuchen in die Lücke längs zu kommen, bei denen uns ein paar Esten tatkräftig unterstützen, die in Berlin ein kleines Segelboot gekauft haben und jetzt nach Hause überführen, gehen wir vor Heckanker in die Lücke und liegen quer zu den Anderen, wie ein Smart in einer berliner Parklücke. Das Blöde ist nur, dass unser Ankerband jetzt quer durch den Hafen liegt. Hoffentlich fährt da nachts keiner rein. Dass der erste morgens um sechs raus will haben wir auch schon erfahren.

Nach dem morgendlichen Rangieren beschließen wir uns doch den kleinen Vereinshafen anzusehen, wo eine schönen ruhigen Platz finden und den Rest des Tages mit kleinen Reparaturen, einkaufen, lecker kochen und essen verbringen.

 

Es geht weiter!

Früh morgens heult es immer noch in den Wanten, aber die Sonne scheint und wir sind entschlossen. Es läuft dann auch alles gut. Mit halbem Wind flott über die Hanöbucht. Nur einmal kriege ich einen Schreck. Ein Donner, der in einer dieser fiesen Frequenzen nachrollt, von denen einem schlecht werden kann. Ein Gewitter? Aus heiterem Himmel? Da donnert es schon wieder. Wohl doch eher Schießübungen. Der Wind verhält sich auch am anderen Ende der Bucht „manierlich“, wie meine Großtante gesagt hätte (wenn meine Großtante je über Segelwind gesprochen hätte). So kommen wir früh genug in Sandhamn an, um noch eine große Portion Pasta zu kochen und mit einem Glas Rotwein in der Plicht zu sitzen und dem Tag dabei zuzuschauen, wie er sich ganz ganz langsam davonschleicht. Am Samstag vor dem Wind nach Kalmar. Aus Sandhamn ist eine ganze Flotte Segler losgefahren und wie das so ist, guckt man natürlich, wie die anderen so vorankommen. Am Ende haben sie uns fast alle überholt. Auch die, die eine Stunde oder so länger geschlafen haben.

In Kalmar regnet es in Strömen. Wir lernen einen Berliner Segler kennen, der allein unterwegs ist und den ich schon in Sandhamn dafür bewundert habe, wie gelassen er das Anlegemanöver hinkriegt. Wird ein schöner Abend mit vielen vielen Seglergeschichten.

Am Sonntag dann Wind von vorne. Kommen im engen Teil des Sundes kaum vorwärts. Geben genervt auf und fahren in Revsudden in den Hafen. Kochen und essen und haben seglerisch schon mit dem Tag abgeschlossen, da segelt der Berliner hoch am Wind vorbei. Ist doch eigentlich auch noch genug vom Tag übrig für einen Segelnachmittag. Wir verlassen den Hafen wieder und kreuzen die Strecke auf bis Borgholm. Ein etwas trauriger Touristenort, in dem ein paar Jugendliche mit einem Kleinbus den ganzen Abend durch den Ort kurven und dabei laute Musik aus großen Lautsprechern dröhnen lassen. Es wirkt eher wie Verzweiflung, als wie Spaß.

Aber sie haben eine historische Seebadeanstalt und eine große Burg auf einem Berg nebenan. Die gucken wir uns am Montag an, bevor wir mangels Wind die 30 Seemeilen nach Byxelkrog an der Nordspitze von Öland motoren. Von hier wollen wir am Abend aufbrechen und an Gotland vorbei nach Estland segeln. Das ist der Plan. Aber wie das mit Plänen so ist…

kleines Haus über Klippen am Meer

Planlos in Simrishamn

Ja, mach‘ nur einen Plan. Sei nur ein großes Licht.
Und mach‘ dann noch ‘nen zweiten Plan, geh‘n tun sie beide nicht…“

Die erste Lektion auf Segeltouren, formuliert von Bert Brecht. Muss ich jedes Jahr wieder neu lernen. So einen richtigen, detaillierten Plan gab es nicht, aber ich hatte mir doch so vorgestellt, wann wir wo hin segeln würden und dann kommt so ein fettes Tiefdruckgebiet mit richtig viel Wind und schlimmen Böen und da liegen wir erstmal ein paar Tage in Simrishamn in Südschweden und warten das ab. Das schöne ist ja, dass wir Zeit haben. Wir schlafen lange, arbeiten an unsern Projekten, wandern den Strand entlang und haben auch gebadet, als die Temperaturen noch so waren, dass das nicht nur für an Eisbaden gewöhnte Menschen geeignet war. Heute habe ich ein Museum entdeckt. Wenn es morgen regnet, können wir da ja mal hingehen und all die anderen Touristen treffen. Also, wir machen im Wesentlichen das, was man im Urlaub so macht und hoffen, dass es am Freitag weitergehen kann.