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Die fast letzten Meilen

Vier Uhr früh, der Wecker klingelt. Es ist noch dunkel vor den kleinen Kajütfenstern, wo gerade mal ein Augenpaar raussehen kann. Wenn man wollte könnte man den Hafen Simrisham sehen, mit seinem langen Schwimmsteg für Gästeboote, an dem heute fast ausschließlich deutsche Segler liegen. Zu so früher Stunde gibt es schon reges Treiben. Taschenlampenkegel funzeln über den Steg. Gedämpfte Stimmen rufen sich was zu. Motoren starten und Boote legen ab. Die ersten sind bereits mitten in der Nacht gestartet. Grund der ganzen Hektik ist wieder einmal das Wetter. Seit zwei Wochen haben wir Südwind in variierenden Stärken mit Regen und Gewitter. Und gegen den gilt es nach Hause zu kommen. Je nach persönlicher Beurteilung der diversen Wettervorhersagen und den eigenen Strategien haben die Crews ihren eigenen besten Startzeitpunkt. Die Diskussion um die aktuelle Wetterlage und unseren Kurs füllt gefühlt einen guten Teil der Tage aus. Aber jetzt ist es so weit, für einen Tag gibt es Südwestwind, der nachher noch auf West drehen soll. Die Windstärke liegt mit 18 Knoten so im oberen Bereich den wir uns zutrauen, wobei wir die Böen mit 24 Knoten einfach mal ignorieren. Als wir dann um fünf Uhr früh ablegen befinden wir uns in einem Konvoi von mehreren Yachten die zielstrebig an der Küste nach Süden streben. Wir haben als einzige die Segel oben aber lassen den Motor noch mitlaufen, da auch wir zu so früher Stunde auf den vor uns liegenden 70 Seemeilen nicht bummeln wollen. Wenn alles läuft sollten wir dann nach 14 Stunden, so gegen 19Uhr in Sasnitz eintreffen. Bei wenig Wind kommt uns eine lange Welle entgegen, über die wir gut hinwegschwappen ohne Fahrt zu verlieren. Die Segel ziehen ein wenig mit. Dann sind wir aus der Landabdeckung raus. Die Welle ist größer und stoppt schon etwas auf. Das bischen Mehr an Wind reicht nicht um ohne Motorunterstützung die Geschwindigkeit zu halten. Mit Sonnenaufgang sehen wir noch eine schwarze Wand am Himmel, die gerade nach Backbord abzieht. Steuerbords sieht es besser aus. Aber auch hier einzelne Regenfelder und fiese dunkle Wolken. Unser morgendlicher Konvoi zieht sich schnell auseinander, wobei wir deutlich in Lee zurückbleiben. Gegenüber den modernen Yachten haben wir noch das Problem, dass Rith mit Langkiel und wenig Tiefgang eine große Abtrifft hat und somit gegen Wind und Welle immer an Höhe verliert. Wir segeln also mehr als andere quer zur Fahrtrichtung.

Unter Segeln und Motor lassen wir die Gisch am Bug hochspritzen und hoffen, dass die versprochene Westdrehung möglichst bald einsetzt und auch die Welle mehr seitlich kommt. Bis Mittag dröhnt der Motor mit. Dann ist der Wind stark genug, dass nur die Segel reichen um im Schiff Fahrt zu behalten. In den Böen frischt es aber so stark auf, dass wir reffen müssen. Wir lassen es beim ersten Reff, da nach den Böen der Wind wieder zu schwach ist und wir in der Welle fast zum Stehen kommen. Dann erwischt uns das erste Gewitter. Wir können gerade so noch das Großsegel runterziehen und notdürftig zusammenbinden. Ein Starkregen setzt alles unter Wasser und Blitze zucken durch die Luft. Nachdem die Gewitterwolke mit uns fertig ist und abzieht, stehen wir ohne Wind in einem konfusen Wellenhaufen und versuchen unter Motor zumindest Richtung Ziel zu fahren, was bei ein bis zwei Knoten Fahrt nicht wirklich befriedigend ist. Der unstetige Wind kommt wieder und die nächsten Gewitterwolken sind im Anmarsch. Mal kommen wir durch eine Lücke hindurch, mal erwischt es uns wieder. Annettes Eintrag im Bordbuch: Schon das dritte Gewitter hintereinander. Auf der elektronischen Seekarte ist deutlich zu sehen, dass wir die Höhe nicht halten können. Das erste Gewitter hat uns mehre Seemeilen abdriften lassen. Spät dreht der Wind dann doch noch auf West und wir können unser Ziel Sasnitz wieder anlegen. Am Windpark reist dann noch die Schot der Starkwindfock und ein nicht angebundener Fender geht über Bord. Ich kann ihn noch lange weiß leuchtend in den Wellen sehen, wie er mit seinen beiden Festmacherenden winkt und denke daran, dass jetzt schlagartig unsere gemeinsamen Fahrten nach über zwölf Jahren beendet sind. Ich habe ein schlechtes Gewissen, dass wir keinen Rettungsversucht unternehmen. Aber so nah am Windpark, bei der Welle. Und selbst wenn wir ihn einholen, ist es nicht so einfach das glitschige Teil an Bord zu holen. Das hatten wir in diesem Urlaub schon mal, als wir versucht hatten eine uns entgegenkommende Luftmatratze in Form eines riesigen Pizzastückes an Bord zu nehmen, die wir am Ende hatten weitertreiben lassen müssen.

Aber zurück zur Überfahrt. Am Ende nimmt dann der Wind ab, die Welle kommt seitlicher und wir segeln beschaulich in die Abenddämmerung. Annette fragt sich noch was da für eine seltsame einzelne rosa Wolke am nachtblauen Himmel steht. Nach einigen Ufo-Spekulationen, und „da könnten sich irgendwie Sonnenstrahlen hinverirrt haben“, löst sich das Phänomen von selbst, als ein fast runder Mond auftaucht, der orange auf dunkelblau unsere Ankunft in Sasnitz ausleuchtet. Nach 18Stunden gibt es dann noch an der Außenpier ein Anlegebier.

Im Nachhinein stellte sich heraus, dass unsere Strategie gar nicht so schlecht war. Ein paar Segler, die in Simrisham um Mitternacht gestartet, und die wir am nächsten Morgen in Sasnitz neben uns wieder treffen, erzählen uns, dass sie ungefähr durch 20 Gewitter gefahren sind und trotz ihrer schnellen Boote auch in den Wellen hängen geblieben sind.

 

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