Allgemein, Kaliningradtörn 2016
Schreibe einen Kommentar

Königsgrad oder Kantberg ?*

In der „Fishboat-Marina“ im Kaliningrader Hafen werden wir von Valerie, einem sehr freundlichen Wachmann empfangen. Er weiß, dass wir kommen und er spricht ein bisschen Englisch, sodass wir uns verständigen können. Nachdem er uns alles gezeigt hat, möchte er unbedingt unsere Ankunft an Thoralf und Elena melden. Ich versuche vergeblich, ihn davon abzubringen die armen Menschen um kurz vor 6 Uhr in der Frühe aus dem Bett zu klingeln.

Thoralf habe ich über das Internet kennen gelernt. Beim Herumstöbern zum Thema „Kaliningrad“ und „Segeln“ bin ich immer mal wieder auf seinen Namen gestoßen. Er ist Journalist und lebt mit seiner Frau Elena in Selenogradsk, dem ehemaligen Cranz am Anfang der Kurischen Nehrung. Dort beherbergen und betreuen sie auch Gäste und Elena bietet Touren im Kaliningrader Gebiet an. www.cranzwestend.de ist ihre www-adresse.

Ich hatte ihm eine Mail geschrieben, um zu fragen, was man alles tun muss, wenn man nach Kaliningrad segeln will. Er hat uns daraufhin schon im Vorfeld so viel geholfen, dass wir ganz gespannt darauf waren, ihn endlich kennen zu lernen.

Um halb drei steht er auf dem Kai, um uns zu einer Stadtrundfahrt abzuholen. Er lebt schon seit vielen Jahren hier, weiß ganz viel, ist in viele der Prozesse, die diese gleichzeitig alte und junge Stadt auf der Suche nach sich selbst gerade durchläuft, eingebunden und kann unglaublich ausdrucksvoll und spannend davon erzählen. Wir sind ganz überwältigt, als wir ein paar Stunden später wieder an Bord sitzen.

Am Sonntag holt er uns wieder ab, um uns einiges genauer zu zeigen. Das Highlight dieser Tour ist ein Besuch auf dem „Dom Sowjetow“, einem riesigen, zur Zeit der Wende fast fertiggestellten, aber nie bezogenen Gebäude, das als Neubauruine ein Mekka für Fotoenthusiasten und Graffiti-Maler ist. Sicher auch als Partylocation beliebt. (Es ist aber weder besonders vermüllt, noch stinkt es nach Fäkalien). Offiziell kann man es nicht besichtigen. Es wird von einem Mann mit ein paar sehr engagierten Hunden bewacht. Von oben hat man einen phantastischen Blick über die ganze Stadt und auf die Ausgrabungstätte des Königsberger Schlosses, dessen wohl wirklich nicht mehr allzu brauchbare Reste nach guter alter sozialistischer Tradition 1968 gesprengt wurden und das nach guter neuer Tradition jetzt wieder aufgebaut werden soll, allerdings, anders als in Berlin, nicht historisierend, sondern „dialogisierend“.

Am Montag treffen wir uns mit Elena zu einen Ausflug auf die Kurische Nehrung. Sie spricht hervorragend Deutsch und arbeitet als Übersetzerin und Reiseführerin. Seit ihrem Studium lebt sie im Kaliningrader Gebiet und kennt sich auch sehr gut in der bewegten Geschichte des ehemaligen Ostpreußens aus.

Die Kurische Nehrung hat mich wieder bezaubert. Hier in Russland ist der Tourismus noch nicht so entwickelt, wie in Litauen, der Strand wirkt dadurch, dass weniger Menschen da sind, noch weiter und endloser und die Wälder sind noch größer und stiller. Auf der Rückfahrt stoßen wir um ein Haar mit einem Wildschwein zusammen, das auf einmal aus dem Wald kommt und unbedingt noch vor unserem Auto über die Straße muss.

Bevor wir wieder nach Kaliningrad fahren, lädt Elena uns noch ein, bei ihr zu Hause zu duschen, wofür wir ihr besonders dankbar sind, denn die sanitären Anlagen der „Fishboat-Marina“ beschränken sich auf eine Dixie-Toilette (von der ich jeden Tag hoffe, dass sie endlich mal abgepumpt wird).

Am Dienstag schauen wir uns einen kleinen Teil des großen und eindrucksvollen Meeresmuseums an. Peter geht es nicht gut, er wandert zurück zum Schiff, um sich hinzulegen, während Leander und ich auf den Markt gehen. Der Kaliningrader Zentralmarkt ist mit „Basar“ ganz treffend bezeichnet. Eine große Haupthalle für Obst und Gemüse mit verschiedenen Nebenhallen für Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Süßigkeiten, mehrere Gänge mit kleinen Läden für Kleidung, Taschen, Uhren, Elektroartikel, Haushaltswaren und was man sonst noch so braucht. Jeder kann hier morgens herkommen und sich einen Stand mieten und so findet man auch die berühmten Babuschki mit den Tomaten und Äpfeln aus ihrem Garten oder den im Wald gesammelten Beeren und Pilzen. Stundenlang könnte ich hier herumlaufen und einfach gucken. Wir kaufen frischen Fisch, Obst und Gemüse und kochen abends auf dem Schiff ein opulentes Essen.

*seit einiger Zeit wird, vor allem von jüngeren Einwohnern der Name “Kaliningrad” in Frage gestellt. Viele sind dafür, der Stadt ihren alten Namen zurück zu geben, aber auch andere Möglichkeiten werden diskutiert.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.